Wer bist du und was machst du beruflich?
Tanja Messerli, Freundin, Lebenspartnerin, Mutter, Schwester, Tante, Freiwillige, Chefin, Buchmensch, Geschäftsführerin des Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verbands SBVV, lebenslang auch Volunteer und Praktikantin
Wie sieht deine Lebenssituation aus? (Einzelhaushalt, gemeinsam geführter Haushalt, Alleinerziehend, Wohngemeinschaft, Pendelhaushalt, Andere)
Gemeinsam – zu zweit – geführter Pendelhaushalt.
Bist du in deinem ursprünglich erlernten Beruf tätig oder machst du heute etwas anderes?
Beides stimmt. Ich brauche sehr viele der Kenntnisse und Kompetenzen, die ich mir in meinem ersten Beruf als Buchhändlerin erworben habe in meinem aktuellen Beruf als Geschäftsführerin des SBVV: Für die Mitglieder, den Nachwuchs, die Medienarbeit und für die Politik. Gleichzeitig bin ich eine Führungsperson, etwas, was ich dank Erfahrung gelernt habe und erst viel später, als ich schon über ein Jahrzehnt in der Führungsrolle war, durch offizielle Weiterbildung validieren liess.
Wie ist es zu deiner Berufswahl gekommen?
Per Ausschluss und aufgrund meiner Buchbegeisterung. Viele Berufe kamen nicht in Frage, weil ich keine Lehrstelle gefunden habe, weil meine Bewerbung und mein Schulwissen Lücken aufwies; fürs Gymnasium war die Aufnahmeprüfung eine zu grosse Hürde. Zudem hatte ich keine Ahnung, wie ich zu Geld für ein Studium kommen könnte, niemand in Familien- oder Bekanntenkreis war je an der Uni gewesen. Ausserdem schloss ich alles aus, was nach weiblicher Verpflichtung aussah: Kinderbetreuung, Häusliches, Pflege von Menschen, Tieren, Pflanzen. Ich liebte das Lesen und interessierte mich für neue Technologien.
Würdest du dich noch einmal für diesen Beruf entscheiden?
In der gleichen Situation auf jeden Fall, Buchhändlerin in einer so gut sortierten Buchhandlung wie meiner Lehrbuchhandlung zu werden, war ein absoluter Glücksfall für mich: Nirgends sonst hätte ein weiblicher junger Mensch mit Eltern in Scheidung und einem Stapel notenfreier Beurteilungen aus der Rudolf-Steiner-Schule 1988 so günstige Bedingungen vorgefunden. Ein Umfeld, in dem ich mich lange gar nicht unbedingt wohlfühlte, aber gefordert war und niemals gelangweilt. Zudem förderte dieser Buchhandelsalltag im politisch und akademisch geprägten Sortiment meine Art zu lernen, die bis heute äusserst autodidaktisch oder negativer gesagt sehr wählerisch ist. Ich lerne schnell, was mich interessiert, den Rest lasse ich gern weg. Gleichzeitig war es die gleiche patriarchale Welt, die mir schon oft Steine in den Weg katapultiert hatte, in der ich allerdings die Glitches immer besser erkannte und ausnutzen lernte.
Haben die Gedanken zur Familienplanung in deiner Berufswahl beeinflusst?
Nein. Höchstens vorgelagert, weil ich immer einen eigenen Beruf und eigenes Geld wollte, um in allen Entscheidungen frei zu werden, auch in der der Familienplanung.
Haben finanzielle Überlegungen deine Berufswahl beeinflusst? Wie stehst du heute dazu?
Finanzielle Überlegungen beeinflussen mich nur insofern, dass ich in meinen eigenen Entscheidungen möglichst frei bin und auch in der Unterstützung von Dritten, deren Wohl mir am Herzen liegt. Also, dass ich z.B. eine Ausbildung machen oder jemand anderem ermöglichen kann, ohne mich mit irgendwem abzusprechen oder gar irgendwo zu betteln. Und dass ich nie eine Partnerschaft aus finanziellen Überlegungen führen oder weiterführen muss.
Hast oder hattest du familiäre oder andere Betreuungspflichten?
Ja, zwischen meinem 10. und 45. Lebensjahr hatte ich immer Betreuungspflichten, zwanzig Jahre davon wie gesetzlich vorgesehen für mein eigenes Kind, im übrigen war ich Geschwistern, bzw. Pflegegeschwistern oder Pflegekindern verpflichtet.
Wie gross ist dein Anteil an dieser Verantwortung?
Unterschiedlich, beim eigenen Kind aus seine ganze Kindheit gesehen die Hälfte.
Hast du innerhalb deiner Partnerschaft oder anderer Gemeinschaft geregelt, wer wofür verantwortlich ist? Habt ihr ein Abgeltungssystem?
Ja, das war immer geregelt und wenn es unklar wurde, habe ich es schnell wieder diskutiert. Vielleicht nicht immer erfolgreich zu meinen Gunsten. Doch einen «Automatismus» habe ich stets bekämpft, weil ich weder bei meinen Vorfahren noch bei den Zeitgenossinnen je beobachtet hatte, dass die Frau dabei auf Augenhöhe und frei bleibt. In den 30 Jahren Partnerschaft waren die Regelungen unterschiedlich, was aber auch viel mit dem Wandel in der Gesellschaft und Gesetzgebung zu tun hat (z.B. Konkubinat mit Kind, Sorgerecht).
Bedeuten deine familiären Verpflichtungen Einschränkungen für deine Arbeit?
Selbstverständlich. Alles andere wäre ein Wunder, ein mathematisches.
Welchen Stellenwert haben Hobbies in deinem Leben?
Wenn ich das Lesen, das eigentlich immer zum Beruf gehörte, nicht mitzähle: keinen.
Engagierst du dich in der Freiwilligenarbeit? In welchem Bereich?
Ja. Für Chancengerechtigkeit und Demokratie. Dazu gehört die Arbeit mit Minderjährigen, mit Menschen, die mit Hürden konfrontiert sind, der Einsatz für Partizipation, gleiche Rechte für alle, der Kampf um freie Medien als vierte Gewalt und um Meinungsäusserungsfreiheit.
Was ist die Motivation zu deinem Engagement? (Z.B. persönliche Erfüllung, Ausbau des beruflichen und privaten Netzwerkes, Ausgleich zum Alltag)
Die Orte, wo ich hinkomme, will ich besser verlassen, als ich sie angetroffen habe. Um das in dieser chaotischen, teils zerrissenen Welt zu schaffen, muss sich jede:r einsetzen und wer das – wie ich – behauptet, muss vorangehen. Ob das eine Motivation oder eher ein Tick oder einfach meine Erziehung ist, weiss ich nicht. Ich habe nie etwas anderes gekannt als «wer, wenn nicht ich?» Und das Beste: Ich habe immer Mitstreiter:innen gefunden, mein Leben lang! Eine:r muss anfangen, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Im Schlechten geht es ja auch ganz leicht, warum nicht im Guten?
Welche Herausforderungen gibt es in der Vereinbarkeit deiner Freiwilligenarbeit und deiner beruflichen Arbeit?
Es geht nicht alles gleich sofort und vor allem nicht gleichzeitig. So ein Alltag ist der perfekte Trainingsraum, um priorisieren zu lernen. Im Gegensatz zum Umgang in der Familie oder einem Unternehmen dürfen wir in der Freiwilligenarbeit spontan sagen, diese Suppe kocht jetzt eine andere und wenn nicht, dann halt keine, Stich drunter, ich ziehe weiter. Nur ganz aufhören sollten wie nie damit.
Wie wichtig ist dir ein erfülltes Berufsleben?
Im Grundsatz nicht wichtig, ich habe schon eine Menge Sachen gemacht, vieles würde kaum das Prädikat «erfüllend» erhalten. Mein Problem ist nur, dass ich in der Leistung nachlasse, wenn mir mein Beruf über längere Strecken nichts Interessantes liefert, was wahrscheinlich mit erfüllend bezeichnet werden könnte. Wenn mir meine Arbeit selbst nicht mehr wertvoll scheint, schwindet die Freude und damit die Qualität, in der Innovation und Routine gleichermassen. Dashalb achte ich auf lange Sicht auf Sinn und Erfüllung im Job.
Würdest du deinen Beruf als erfüllend bezeichnen? Was gibt dir dein Beruf – neben einem Einkommen – sonst noch?
Ich wachse daran und darin, gewinne ein menschliches und fachliches Netzwerk, kann allerlei üben, bin Teil von einer Branche, verbinde Generationen und ihre Fragen, Antworten, Wirkungsweisen und Sprachen.
Wo findest du sonst noch Erfüllung, neben deinem beruflichen Tätigkeit?
Zwischenmenschliche Beziehungen, das ist das Wichtigste. Und in Bewegungen zur Gleichheit und Freiheit, im Lesen und Schreiben, in allen Outdoor-Tätigkeiten.
Wie achtest du auf deine Gesundheit?
Ich bin sehr konsequent in Ernährung und in der Vorsorge. Ich habe mir über die Jahre ganz bewusst sehr gute Frauen zusammengesucht, die mir mit ärztlichem, pflegerischem und sportlichem Rat helfen. Ein Segen.
Wer hat dich in deiner Laufbahn inspiriert? Hattest du Vorbilder?
Einerseits haben mich mir ferne Männer inspiriert, von denen und über die ich gelesen habe. Und weil ich ausprobieren wollte, was denen vorbehalten schien, habe ich mich auf die Suche nach Frauen gemacht, die das auch schon versucht hatten, also nach Vorbildern. Meine Mutter war stets eine ausgezeichnete Rechercheurin und sie wusste auch, wie und wo man an die Quellen kam. Als Lesebegeisterte aus sehr armen Verhältnissen hatte sie sich immer schlau gemacht drüber, wie es gelang, als Frau zum Zug zu kommen. Zudem hatte ich Glück, die WoZ hat mich in einer sehr wilden Zeit, als Frauen enorm viel schufteten und riskierten, in ein Praktikum genommen. Ich war dabei, als Luise Pusch eine Ausgabe machte. Von der Chefredaktion bis zum Layout nur mit Frauen. Das war zu dieser Zeit gewaltig. Und aus diesem Kreis erfuhr ich dann auch von weiteren Frauen, z.B. neuen, jungen Autorinnen oder Literaturtage-Organisatorinnen. Und plötzlich sah ich überall kleine Gruppen von Frauen, die ihren Anteil geltend machten, in der Stadtentwicklung, im Gesundheitswesen, in der Politik, in der autonomen Bewegung der Achtziger.
Inwiefern haben sie dich beeinflusst?
Es ist schwierig festzumachen. Mut ist die beste Zusammenfassung. Sie wagten etwas und die Welt fiel nicht zusammen. Sie gaben sich eine Blösse, sie waren auch mal peinlich, aber das Leben ging weiter. All die Verlustängste und die Scham über eigene Fehler nahmen nach und nach ab. Der Weltuntergang, der uns Frauen vermittelt worden war, wenn wir uns nicht der Rolle gerecht verhielten, wurde zum Weltaufgang.
Gibt es jemanden, der oder die dich unterstützt hat? Wie hat das ausgesehen und was hat dir dabei besonders geholfen?
Mir hat besonders geholfen, dass ich immer wieder auf Menschen traf, die mich machen liessen. Ich kann mich nicht an Förderer:innen entsinnen, aber an viele Menschen, die mich nicht gehindert haben. Meine Eltern, besonders meine Mutter, die mich unter unwirtlichen Umständen zu einem freien Mädchen aufzog, mein Grossmutter, die mich nie dran zweifeln liess, dass Frauen für die Ökonomie zuständig sein müssen, weil Männer nicht mit Geld umgehen können, mein Lehrpersonen in der Rudolf-Steiner-Schule, mein Lehrmeister in der Buchhandlung, meine Freundinnen, Freunde und Partner. Manchmal war es ihnen einfach egal, was ich machte, aber auch das war etwas Gutes.
Was würdest du deinem Jüngeren Ich mit auf den Weg geben?
Dass sie sich einem Vorbild an die Fersen heften und ungeniert Kontakt aufnehmen sollen. Es hat keinen Sinn, wenn ich hier Bulletpoints gebe, Menschen sind verschieden und brauchen unterschiedliche Menschen, die sie fördern. Heute gibt es viel mehr Offenheit gegenüber Jungen als zu meiner Zeit, wo wir immer irgendjemandem im Weg zu sein schienen – zugegeben, wir waren ja auch viele.
Was hättest du dir als Berufseinsteigerin von Kolleginnen gewünscht?
Das oben Genannte: Dass ich ihnen folgen darf, dass sie mir Dinge erklären, mich mitnehmen und auch mal begleiten, mir Zeit schenken und ihr Ohr leihen. Aber ich habe keinen Grund zur Klage, die ganz wenigen Frauen, die mir beruflich auf Augenhöhe begegnet sind, haben sich bemüht. Eine Chefin hatte ich allerdings nie. Daran denke ich oft, weil ich eine Vorgesetzte bin, ohne zu wissen, wie es ist, eine zu haben. Nun ist es an mir, das zu ändern.
Bist du Alleinverdienerin oder trägst die finanzielle Hauptverantwortung für deinen Haushalt?
Halb halb.
Kannst du von deinem Einkommen leben? Falls du nicht Alleinverdienerin bist und in Teilzeit arbeitest: Könntest du mit deinem Einkommen deinen Lebensunterhalt finanzieren?
Ja.
Folgst du eher dem Geld oder deinen Träumen?
Beides interessiert mich nicht genug. Mich interessiert das Sinnvolle, das Machbare, die Wirkung meines Handelns, das, was von mir übrig bleibt.
Welche Rolle spielte Geld bei deiner Berufswahl und bei beruflichen Entscheidungen?
Eine pragmatische. Ich war mal Fachlehrerin, das war ich nur, weil es vom Geld und den Ferien her das Beste für die Familie war. Ich habe diese Aufgabe eine Dekade mit Sinn zu füllen vermocht, aber danach war Schluss. Das Geld und die formidable Planbarkeit hat überhaupt nicht mehr ausgereicht für die Motivation.
Was bedeutet finanzielle Unabhängigkeit für dich?
Ohne diese hätte ich mich immer gefühlt wie im Gefängnis. Mit zunehmendem Alter merke ich, dass es keine Unabhängigkeit gibt von Beziehungen, sie sind der Stoff, aus dem unser Leben gewoben ist. Und manchmal gehören auch monetäre Verwebungen dazu, auch wenn das bei mir bis hierhin noch nie der Fall gewesen ist.
Was würdest du rückblickend deinem 20-jährigen Ich zum Thema Geld raten?
Alles geben, um eigenes haben, alles meiden, was verhindert, eigenes zu haben. Immer buchhalten, sich immer aufschlauen zum Thema Finanzen. Ich hatte das Privileg, das schon als Kind von meiner Grossmutter beigebracht bekommen zu haben und muss mich daher glücklicherweise nicht rückwirkend beraten.
Welchen Stellenwert hat deine Arbeit in deinem Leben?
Sie macht einen grossen Teil meines Lebenssinns aus.
Hast du deine Karriere systematisch geplant?
Ich hatte soweit ich weiss keine Vorbilder, Frauen waren unsichtbar in der beruflichen Öffentlichkeit oder in der Politik. Meine Karriere sehe ich als ein Labyrinth: Es gibt nur eine Richtung nach draussen, wer auch nur einmal anders abdreht, geht wieder verloren. In der Karriere meiner Frauengeneration kenne ich nichts als Konsequenz und einen hohen Preis, jedenfalls verglichen mit Männern. Uns Frauen ist kein Fehler erlaubt, wir stehen ständig unter Beobachtung und «man merkt sich uns». Das hat Auswirkungen auf die nachkommenden Frauengenerationen und macht den Druck noch grösser. Es mindert zudem – und das ist besonders stossend – die Kraft der arbeitenden Gesellschaft, mehr Diversität zuzulassen, vermeintlich Unpassendes zu versuchen, andere als die Bisherigen einzuladen, mitzuarbeiten, weil’s schon selbst so aufwändig ist, gegen den patriarchalen Konformismus anzurennen. Jammern hilft nicht, aber ignorieren auch nicht. Zur Karriereplanung gehört es, die Augen und Ohren für die Welt zu öffnen und anzuerkennen, dass die Chancengleichheit nicht da ist sondern etwas, was besonders hohen Einsatz erfordert. Und Freundinnen. Oder Väter? Bei jüngeren erfolgreichen Frauen fällt mir oft auf, dass sie unterstützende Väter haben.
Hast du deine Karriereziele erreicht?
Ja.
Bist du Risiken eingegangen, um deine Ziele zu erreichen?
Ja.
Musstest du kämpfen, um deine beruflichen Ziele zu erreichen, oder ist dir alles zugefallen?
Diese Antwort müsste ich Weggefährtinnen überlassen. Mir ist noch nie jemand in Führungsposition begegnet, der/die von sich denkt, er/sie hätte nicht kämpfen müssen. Ich bin da nicht anders.
Was und wer hat dir bei der Erreichung deiner Ziele geholfen?
Meine Resilienz. Meines Wissens ist sie mehr ein Geschenk als eine persönliche Errungenschaft. Ich bin daher einfach dankbar – und verneige mich vor meinen mittellosen, über Generationen gedemütigten, aber klugen, risikofreudigen, autodidaktisch begnadeten Vorfahrinnen, deren Genpool und Einfallsreichtum mir immer geholfen hat.
Wie wichtig ist dir beruflicher Erfolg?
Wichtig, die positive Wirkung meines beruflichen Engagements ist meine Motivation.
Redest du über deine Erfolge?
Nur mit Vertrauten, eigentlich nur Frauen, oder wenn ich gefragt werde. Das kommt manchmal vor, dass von Führungspersonen verlangt wird, ihre Erfolge aufzuzählen, und da ist es natürlich willkommen, wenn man sie nicht von der Presseabteilung erfinden lassen muss.
Gibt es Erfolgserlebnisse, über die du berichten kannst?
Nicht konkret, ich bin zu alt, um etwas auszuwählen. Aber gute, tolerante, leistungsfähige Teams aufbauen, welche aktuelle Tools anwenden und für alle passende Umgangsformen gemeinsam erlernen sowie wirkungsfähige Arbeitsgruppen bilden kann ich gut, Gruppenkohäsion ist «mein Ding».
Welche Erfahrungen hast du mit Scheitern gemacht und wie bist du damit umgegangen?
Scheitern gehört zum Tagwerk einer Führungsperson. Vor allem, falsche Entscheidungen zu treffen, weil eine Person «im operativen Lead» gem. mir bekannten Studien 50 bis 100 Entscheidungen pro Tag trifft. Darunter viele, die sie gemäss Pflichtenheft treffen muss und ebensoviele, von denen andere (Überstellte und Unterstellte) wollen, dass sie sie trifft, obwohl sie sie selbst treffen müssten. Weil diese Personen sonst nicht weiterarbeiten, bleibt die Entscheidung bei der operativen Führung hängen, ohne dass diese über die entsprechende Kompetenz oder Information verfügt. Da passieren viele Fehler, es ist viel Scheitern in hierarchischen Systemen. Deshalb lehnen viele Leute Hierarchie ab, es gibt bei fast allen ein Streben nach Freiheit und Selbstbestimmtheit. Zu Recht! Leider lehnen sie oft auch die Verantwortung ab, nicht selten aus Angst vor dem Scheitern. Da entsteht ein Delta, das uns wiederum alle zusammen mehr scheitern lässt. Für Unternehmen heisst das, dass sich die Führungsstrukturen verändern werden, weil es nicht mehr genug Leute gibt, die entscheiden wollen, angesichts des Scheiterns… Seit AI denke ich, dass die erste Änderung sein wird, dass menschliche Führungspersonen AI führen werden und wir da hoffentlich bewusst und konsensual herausfinden, was die AI besser entscheiden kann als der Mensch und was nicht.
Redest du über berufliche Rückschläge oder belastenden Erlebnisse?
Ja, als ich Schulleiterin war, hatte ich dafür relativ gute Strukturen. Jetzt bin ich selbst verantwortlich und gehe in Therapie oder ins Coaching. Aber es gilt m.E. für jeden Beruf und jede Stufe, dass es hierzu zu wenig Foren und Möglichkeiten gibt. Ein Mangel.
Warum hast du dich selbständig gemacht? Warum hast du deine Selbständigkeit wieder aufgegeben?
Es waren äussere Gründe, ich hatte ein kleines Kind und wollte v.a. dann arbeiten, wenn es schlief. Ich war nur vier Jahre von 34 Berufsjahren selbständig, mein Bereich war ein Boombereich, der wieder abnahm. Ich wollte mich dann mit 50 Jahren nochmal selbständig machen, dies allein aufgrund einer interessanten Idee und weil ich nur noch für mich sorgen musste, also keine Verantwortung für andere trug. Aber weil das grad in die Pandemiezeit fiel, war mir die grosse Investition leider doch nicht mehr möglich. Inzwischen haben die Idee andere umgesetzt, der Markt ist satt. Aber vielleicht habe ich einmal eine neue, wer weiss.
Welche Vorteile siehst du in der Selbständigkeit?
Die Ziele selbst setzen zu können und die Zeit mehr selbst einteilen zu können als bei einer Anstellung. Und den Auftritt (inhaltlich, visuell) selbst bestimmen zu können.
Wieviel Vorarbeit und Aufbauarbeit hast du investiert, bis die Selbständigkeit Geld eingebracht hat?
Ca. 10 Wochen, es waren aber gute Zeiten und ich wusste genau, dass es in dem Bereich (Marketingschnittstellen, Webshops) Aufträge und Geld gab und auch, dass diese Ressourcen von Firmen im entsprechenden Tätigkeitsfeld wieder zurückgefahren werden würden. Ich konnte auch abschätzen, wann.
Wer hat dich unterstützt?
Mein Lebenspartner, meine damaligen Freundinnen und Freunde. Eine ganze Gang aus IT-affinen Menschen, die keinen Lust drauf hatten, dass alles so blieb, wie es war.